Defiant Requiem

„The Defiant Requiem. Verdi in Terezín“ im Konzerthaus erinnert an finstere Zeiten.

13.09.2016 | 14:50 | von Wilhelm Sinkovicz (Die Presse – Schaufenster)

Verdis Requiem ist wohl eines der meistaufgeführten geistlichen Werke der Musikgeschichte, die den Weg in die Konzertsäle gefunden haben. Eine Oper für den Konzertsaal hat man das Werk gern genannt, denn die dramaturgischen Mittel, die der Komponist so effektsicher für menschliche Tragödien zu nutzen wusste, wendet er nicht minder treffsicher auch für die Schilderung des Jüngsten Gerichts und der Bitte um Frieden und Erlösung an. Wobei die geistliche Konnotation für Verdi eher eine geistige war – den Segnungen des Katholizismus hat er sein Leben lang misstraut. In einem Brief beschreibt er das Treffen mit einem Freund, den er dann zum Gottesdienst begleitete – „ich brachte ihn bis zur Kirchentür“, heißt es da. Die Zweifel waren die stärksten Emotionen, die Verdi in metaphysischen Fragen musikalisch formulierte. Man hört es am schönsten in seinem „Te Deum“, dem Schlussstück der vier „geistlichen Stücke“, das dem Chor-Fortissimo eine sanft und fragend entschwebende Sopranstimme entgegensetzt: „In te, Domine, speravi“, aber das „non confundar in aeternum“ ist kaum noch hörbar; eine Bitte vielleicht, jedenfalls sind es Klänge der Ungewissheit, verglichen mit Te-Deum-Vertonungen aus der Feder eines Haydn oder Bruckner. Vielleicht ist es Verdis Balance zwischen Erlösungshoffnung und scharfem Realitätssinn, die gerade das Requiem dieses Komponisten zu einem zentralen Stück für Musiker gemacht hat, die sich in ärgster Bedrängnis trotz allem dem Musikmachen widmen wollten. Eine Veranstaltung im Wiener Konzerthaus erinnert an eine Aufführungsserie des Verdi-Requiems, die quasi in der Vorhölle stattfand. Anfang der Vierzigerjahre studierte der junge Kapellmeister Rafael Schächter mit Mithäftlingen im Konzentrationslager Theresienstadt die Totenmesse ein; um sie hernach 16-mal im Lager aufzuführen – in einer reduzierten Orchesterversion mit einem ebenfalls aus Leidensgenossen bestehenden Chor. Was diese Musik den Menschen, die dabei mitwirkten, wie auch ihren Zuhören bedeutet hat, kann wohl niemand ermessen, der sein Leben in Freiheit und ohne Todesangst verbringen darf. Eine der Verdi-Aufführungen in Theresienstadt fand vor hochrangigen NS-Würdenträgern und SS-Offizieren statt, die Beobachter des Roten Kreuzes eingeladen hatten. Gipfel der Perfidie: Menschen singen zu Lebzeiten ihr eigenes Requiem vor ihren Mördern – und das unter internationalem Augenschein. Die sich überschneidenden, überlagernden, grausam dissonierenden historischen Wahrheiten stellen die Nachgeborenen vor die Aufgabe, sich ein Bild des Schreckens zu machen. Ein Kapitel in der Geschichtsaufarbeitung schreibt die weltweit gezeigte Tourneeproduktion „Defiant Requiem“, die im Gefolge des gleichnamigen Films die historischen Fakten zu einem szenischen Konzertereignis bündelt, in dessen Zentrum eine Aufführung der „Messa da Requiem“ in jener Fassung steht, die einst in Theresienstadt aufgeführt wurde. Dirigent Murry Sidlin hat für die textliche und filmische Begleitung gesorgt.

Zeitzeugen berichten. Katharina Stemberger und Erwin Steinhauer moderieren den Abend, an dem auf der Großleinwand im Konzerthaus auch Filmdokumente aus Theresienstadt und Zeitzeugenberichte zu sehen und zu hören sein werden. Zu den erschütternden Tatsachen gehört, dass Schächter das Werk immer neu einstudieren musste, da etliche Mitwirkende aus dem Ghetto in die Todeslager deportiert wurden. Dass sich immer wieder neue Sänger und Musiker fanden, hatte wohl auch mit Schächters Motto zu tun, das er seinen Mitstreitern einschärfte: „Singt den Nazis vor, was ihr ihnen nicht sagen dürft!“ Der Requiem-Text wurde so zum Widerstandspamphlet. Seit 2014, als der Film „The Defiant Requiem. Verdi at Terezín“ erstmals von der BBC ausgestrahlt wurde, sorgt die Produktion des Schächter-Instituts für Schlagzeile. Die Idee, aus dem Sujet auch eine Live-Performance zu machen, hatte Dirigent Sidlin, der seit geraumer Zeit in vielen bedeutenden Musikmetropolen gastiert.

Tipp

„Defiant Requiem“ mit den Solisten Aga Mikolaj, Janina Baechle, Bruce Sledge, Jongmin Park, 20. 9. im Konzerthaus